(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Die geschichtliche Entwicklung des rechtlichen "Character indelebilis" als Folge der Ordination"

Separatabdruck aus der Internationalen theologischen Zeitschrift. 

33. Heft, 1901. 



DIE GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG 



DES 



RECHTLICHEN „CHARACTER INDELEBILIS" 

ALS 

FOLGE DER ORDINATION 1 ). 



Vorbemerkung. 

Es liegt in der Natur der Sache begründet, dass das Recht 
in der Kirche in denjenigen Dingen, welche im Zusammenhange 
stehen mit der eigentlich geistlichen Aufgabe der Kirche, sich 
aufbaut auf den von der Kirche angenommenen fundamentalen 
Sätzen. Gilt nun in der Kirche ein Stand als berufen und als 
ausschliesslich berufen, die Aufgabe derselben durchzuführen, 
so wird sich eine bestimmte Anschauung über das Verhältnis 
dieses Standes zu denjenigen Handlungen, deren Vornahme 
ihm ausschliesslich zufällt, notwendig bilden. Zugleich ist sofort 
ersichtlich, dass die Anschauung über das Wesen dieser Hand- 
lungen eine Rückwirkung äussern muss auf die Gestaltung des 
Standes selbst. Denn wenn die Herbeiführung eines bestimmten 
Erfolges die Wirkung einer persönlichen Thätigkeit ist, so 



x ) Es ist überflüssig, auf die Auseinandersetzungen römisch-katholischer 
Lehrbücher u. s. w. der Dogmatik einzugehen, da sie einfach aus den 
tridentinischen Sätzen folgern, das mit diesen nicht Harmonierende weg- 
zudemonstrieren wissen. Die Abhandlung von Hergenröther, Die ReOrdi- 
nationen der alten Kirche, in «Österreichische Vierteljahrsschrift für kath. 
Theologie», her. von Theod. Wiedemann, Wien 1862, I. Jahrg., S. 207—252, 
387 — 456, genügt als Beleg der Speciallitteratur über den Gegenstand; er 
weiss alles so zu drehen, dass die schönste Harmonie zwischen den un- 
lösbar sich widersprechenden Aussprüchen und Thatsachen herauskommt. 



OF AMEWCA UBRRRT 
Washington. D. C 



411082 

— 18 — 

muss diejenige Person, welche dazu berufen wird, eine be- 
sondere Befähigung haben, sobald ihre Thätigkeit über die 
allgemein menschliche hinausgeht. Für den Juristen ist es, 
soweit das positive, geltende Recht in Frage steht, wenn man 
will, gleichgültig, ob diejenigen Prämissen, auf denen der 
positive Satz als Folgerung ruht, an sich wahr sind, ob die 
Grundlagen der Rechtssätze stets die gleichen in der Kirche 
gewesen sind, oder nicht ; mit andern Worten, der positive 
Jurist kann davon abstrahieren, ob ein heute als fundamental an- 
genommener Rechtssatz stets als solcher gegolten hat. Wie leicht 
man sich die Sache machen kann, hat die kurze Geschichte 
der letzten dreissig Jahre zur Genüge bewiesen. Dieselben 
Personen, insbesondere Bischöfe wie Hefele, Strossmayer u.s. w., 
welche die Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit für un- 
möglich hielten, wussten sich nach Eintritt der unmöglichen 
Definition vortrefflich mit ihr abzufinden. Und ähnlich machen 
es die Rechtsgelehrten des Centrums. Wo ein päpstlicher An- 
spruch oder Ausspruch ihnen als Mittel zum Zweck passt, 
reden sie von göttlichem Rechte, von kirchlichen Fundamental- 
sätzen, ergehen sich in masslosen Angriffen gegen den gott- 
losen Staat, der nicht einfach anerkennt; wo ihnen aber die 
aas päpstlichen Ansprüchen und Aussprüchen gezogene logische 
Konsequenz unbequem ist, da reden sie von Kurialstil, da gilt 
ihnen der Stuhlspruch des Unfehlbaren nur als Redensart. 
Mcht ganz so, aber doch analog war das Verfahren aller 
altern und neuern Juristen u. s. w., wxlche ohne eigentliche 
Prüfung das als Rechtssatz Hingestellte annahmen und welche 
aus dem als Glaubenssatz aufgestellten die Rechtssätze folgerten. 
Den mittelalterlichen Kanonisten kann man das wegen des 
damaligen vollen Mangels an historischem Verständnis, be- 
sonders an geschichtlicher Kritik, nicht hoch anrechnen. Sie 
geben lediglich die allgemein angenommenen Ansichten wieder. 
Darin liegt aber für die Dogmengeschichte ihre ungeheure 
Bedeutung. Die Glosse hat Jahrhunderte hindurch in Schule 
und Gericht volles Ansehen genossen; sie liefert einen wichtigen m 
Beweis für die jeweils herrschende Anschauung. Die neuern 
Juristen (und Theologen) haben geradeso verfahren. Ich habe 
in dem Buche : „Die Stellung der Konzilien , Päpste und 
Bischöfe" (Prag 1871), bewiesen, dass eine ganze Reihe von 
Ansichten vor der Geschichte nicht bestehen kann und auf- 



— 19 — 

gegeben werden muss, welche einer dem andern vertrauens- 
selig entlehnte. Wollen wir wirklich dahin kommen, zu prüfen, 
ob ein Rechtssatz das ist und ob er den Charakter hat, wofür 
er heute gilt, so muss sich die Dogmengeschichte des Rechts 
nicht auf solche Punkte beschränken, welche mehr oder minder 
unwesentlich sind, heute so und morgen anders bestimmt werden 
können, sondern sie muss die geschichtliche Entwicklung der als 
fundamental geltenden Rechtssätze in ihren Bereich ziehen. Dazu 
ist kaum mehr als der Anfang gemacht worden. Ob man dabei 
auf Resultate kommt, die mit dem, was man als Glaube aus- 
giebt, nicht stimmen, kann vom Standpunkte der Wissenschaft 
aus gleichgültig sein. Man wird dann höchstens die alte Methode 
noch besser kennen lernen, welche sich in unsern Tagen 
praktisch bewährt hat. Nachdem die jesuitische Schule es 
fertig gebracht hatte, ihre theologische Ansicht von der päpst- 
lichen Unfehlbarkeit bis zu einem gewissen Grade durch Ein- 
sehmuggelung in die Gebetbücher, Katechismen, Religionslehr- 
bücher u. dgl. m. dem Volke acceptabel zu machen, bekleidete 
der römische Papst diese Meinung mit dem Charakter einer 
göttlichen Offenbarung. Nicht anders ist's mit den Lehren der 
Geschichte überhaupt. Sie zeigt, wie ein Papst das erste Mal 
eine Befugnis faktisch zu üben versucht, ein zweites Mal sich 
auf den ersten Fall beruft, nach längerer Zeit aus der That- 
sache der Übung sein Recht ableitet und dieses auf den gött- 
lichen Willen stützt. Die Theorie des fait accompli ist im 
päpstlichen Rom stets massgebend gewesen. Hat es Erfolg 
gehabt, so nennt man es „Gewohnheitsrecht", in Rom vigens 
ecclesice disciplina. 

Kann man sich heute auf keinen Jüngern päpstlichen Stuhl- 
spruch berufen, so dient meistens das Konzil von Trient als 
Quelle der Dogmatik. Dieses Konzil hat eine Reihe von Sätzen, 
welche einzeln fast nur juristische sind, einzeln das Recht nahe 
berühren, in dogmatischer Form definiert, von denen es historisch 
ausser jedem Zweifel steht, dass sie Jahrhunderte lang von 
den massgebendsten Faktoren : Päpsten, Synoden, Kanonisten, 
Theologen, anders aufgefasst worden sind. Dadurch ist die 
wissenschaftliche Berechtigung erbracht, einen andern als den 
tridentini sehen Massstab anzulegen; zugleich lehrt die Geschichte, 
wann und wie die neue Anschauung sich bildete. Mit diesem 
Resultate ist aber noch eine andere Berechtigung gegeben, die 



— 20 — 

von Wert ist auch für unsere Zeit. Wie in den früheren Jahr- 
hunderten, so ist auch im unsrigen der Konflikt des Staats 
mit den Gesetzen der Hierarchie fast stehend geworden. Lässt 
sich nun darthun, dass in dem einen oder andern Kollisions- 
falle früher dasjenige, was man heute als Glaubenssatz oder 
als einen aus dem Glauben fliessenden fundamentalen Rechts- 
satz ausgiebt, diesen Charakter nicht hatte, so könnte man 
füglich der Behauptung von der Verletzung eines Glaubens- 
satzes in Rübe die historische Thatsache der Neuheit entgegen- 
stellen. Denn wenn die blosse Behauptung, etwas sei Glaubens- 
satz, genügen müsste, um jeden Einwand zu beseitigen, so 
hätte der römische Bischof seit dem 18. Juli 1870 die Macht, 
nach Belieben solche zu formulieren. Seit diesem Tage kann 
die Behauptung: „Die Kirche allein bestimmt, was Glaubens- 
satz ist; wenn der Staat sich darein mischt, verletzt er die 
Freiheit der Kirche und verweigert ihr die Anerkennung", einen 
andern Wert, als für die subjektive Anschauung, nicht mehr 
beanspruchen. Denn an jenem Tage ist im Widerspruche mit 
der Geschichte und dem Glauben aller Zeiten ein Mensch für 
unfehlbar erklärt worden, der die absolute Unterwerfung des 
Staats unter seinen Willen als Dogma erklärt, alle modernen 
Prinzipien als Ketzereien verdammt hat. Der eben ausge- 
sprochene ultramontane Satz kommt seit jenem Tage vor, und 
fällt zusammen mit dem Aufhören jeder staatlichen und indi- 
viduellen Selbständigkeit. 

In diesem Aufsatze ist die Entwicklung eines höchst wich- 
tigen Punktes dargelegt, in dem Theologie und Recht sich 
berühren. Für ihn wie andere bildet die Theorie namentlich 
des 12. und 13. Jahrhunderts ein wichtiges Moment. Der Wider- 
spruch der Zeiten, der Vortrag dieses Widerspruchs ohne jeg- 
lichen Nachteil für den Lehrer in früheren Zeiten zeigt, dass 
wir es da in Wahrheit nicht mit Dogmen zu thun haben; zu- 
gleich tritt uns die merkwürdige Erscheinung entgegen, dass 
bis ins 13. Jahrhundert hinein die freieste wissenschaftliche 
Forschung galt. Anders wurde es seit Innocenz III. Wir sehen 
auch, dass man im Mittelalter die wichtigsten Fragen in der 
naivsten Art behandelte, Geheimnisse des Glaubens mit gleichen 
Maximen erörterte, wie die Zulässigkeit einer Klage oder wie 
irgend einen physischen Vorgang. Und schliesslich tritt uns 
Thomas von Aquino als derjenige entgegen, welcher eine Menge 



— 21 — 

jener theologischen Sätze aufstellte oder feststellte, die im 
Konzil von Trient und seitdem zu Dogmen erhoben wurden. 
Die Rechtssätze boten den Anhalt, die Juristen beuteten aus, 
die Theologen machten aus den Rechtssätzen Glaubenssätze, Recht 
und Glaube wurden identifiziert, oachdem bereits die Kirche 
und die in ihr übermächtig gewordene Hierarchie identifiziert 
waren. Da konnte auch Religion und Theologie als Eins gelten. 



I. Wie die heutige katholische Dogmatik, so geht die 
Theorie des Kirchenrechts aus von dem character indelebilis des 
ordo presbyteralis und episcopalis als einem unwandelbaren 
Fundamente. Das Wesen des im cap. 2, doctrinöe de sacramento 
ordinis und can. 4. Sess. XXIII. Concilii Tridentini definierten 
Charakters besteht darin: 

Dass er nicht genommen werden kann; dass die Person 
ihn behält, welche Veränderungen immer mit ihr vorgenommen 
werden mögen ; dass ein Priester und Bischof nimmermehr Laie 
werden kann. 

Hieraus ergeben sich mit logischer Konsequenz die Sätze : 

Dass ein Priester oder Bischof stets und unter allen Um- 
ständen jeden Akt gültig vornehmen kann, welcher ein priester- 
licher oder bischöflicher als solcher ist, z. B. seitens des 
Priesters die Konsekration der Hostie, seitens des Bischofs die 
Weihe des Priesters, Bischofs, wenn die objektiven Bedingungen 
des Akts vorliegen. 

Wer diese Folge leugnet, der leugnet damit selbstverständlich 
den Grund, d. h. den Charakter. 

Der Charakter hat die Wirkung, dass der ihn verleihende 
Akt niemals wiederholt werden darf. Catechismus Bomanus ad 
parochos, P. IL c. 1. qu. 25. 

Eine Wiederholung ist also die Leugnung des Charakters. 

II. Fragen wir die Geschichte, so ergeben sich zwei Dinge 
als unzweifelhaft: 

1. Erst das Konzil von Trient hat die Ansicht zum Dogma 
erhoben, dass, wer zum Priester oder Bischof geweiht sei, die 
Fähigkeit zur Verrichtung der priesterlichen (bischöflichen) 
Weiheakte nicht wieder verlieren könne. 

2. Die Frage: ob ein Akt, den ein Priester oder Bischof 
vorgenommen bezw. vorzunehmen hatte, gültig und wirksam 



— 22 — 

sei, war in der alten Kirche abhängig von der rechtlichen 
Anerkennung der Person, folglich eine juristische. 

Der Beweis dieser Sätze ist durch die Canones und Mass- 
regeln der Synoden, die Briefe und Handlungen der Päpste 
und die Theorie der Kanonisten zu liefern. 

Als unbedingt ungültig und wirkungslos werden in den un- 
zweideutigsten Ausdrücken erklärt die von häretischen und 
schismatischen Bischöfen erteilten Weihen in folgenden Stellen : 

1. Can. apostol. 67 (68). Bruns Canones apost. et conc. 
etc. Berol. 1839, 1, p. 10. Cf. epist. Firmiliani ad Cyprianum, 
besonders n. 16 u. 22 (Cypriani op. ed. Bartel, Vindob. 1871, 

ep. 75, p. 810 sqq.). 

2. Innocentii I. epist. ad Alexandrum episc. Antioch. c. 4. 
(Epist. pont. Rom. ex rec. P. Coustantii et fratrum Ballerinorum 
curavit Schoßnemann, Götting. 1796, p. 604), aufgenommen in 
c. 73. C. I. q. 1, Vergl. überhaupt c. 61 sqq. C. I. q. 1. 

3. Conc. Lateranense a. 769 (Mansi XII, 719). Nachdem 
Papst Konstantin II. am 13. April für abgesetzt erklärt war, 
fand am folgenden Tage eine Verhandlung der Synode statt, 
worüber die Akten derselben berichten : 

„ Actio tertia. Post hsec vero sanctissimi Episcopi 
dixerunt .... nunc restat, ut de ordinatione Episcoporum, 
Presbyterorum, vel Diaconorum, quam prsedictus Constan- 
tinus ApostolicaB Sedis invasor peregit, id quod communi 
consensu tractavimus, coram omnibus declaremus. Primum 
omnium decernimus, ut Episcopi, quos consecravit, siquidem 
Presbyteri prius fuerunt, aut diaconi, in eodem honore pri- 
stino revertantur, et postmodum facto more solito Decreto 
Electionis eorum ad Sedem Apostolicam, cum plebe, atque 
decreto ad consecrandum eveniant, et consecrationem a nostro 
Apostolico suscipiant, ac si prius fuissent minime ordinati. Sed et 
qui alia in sacris officiis isdem Constantinus peregit, prceter 
tantummodo oaptismum, omnia iterentur. u 

Papst Konstantin war von drei Bischöfen konsekriert worden 
(vita Stephani IV in Liber pontificalis ed. Vignoli II, 133). Wenn 
nun das unter dem Vorsitze Papst Stephans IV. tagende Konzil 
erklärt, alle von demselben erteilten Weihen und Funktionen, 
ausser der Taufe, seien ungültig und müssten wiederholt werden: 
so ist sonnenklar bewiesen, dass dieser Papst und dieses Konzil 



— 23 — 

eine andere dogmatische Ansicht hatten als die heutige, und 
dass beide die Gültigkeit der Sakramente, mit Ausschluss der 
Taufe, von der Würdigkeit oder Berechtigung der Person ab- 
hängig machten und aus diesem Grunde die von dem als 
„invasor" vorgenommenen für ungültig erklärten und Wieder- 
holung forderten. Dass etwa die gesetzlichen Formen nicht 
eingehalten worden seien, davon findet sich keine Spur, und 
das ist auch durch den Wortlaut ausgeschlossen. Auf dem 
Konzil w T aren ausser dem Papste über 50 Bischöfe persönlich 
oder durch Vertreter zugegen. 

4. Syn. Romana a. 863 mit epist. 7 Nicolai (Mansi XV, 180, 
248 sq.). Dies unter Papst Nikolaus I. gehaltene Konzil erklärte 
alle vom Patriarchen Photius erteilten Weihen für null und 
nichtig. Dasselbe that die unter Hadrians II. Vorsitz gehaltene 
Synode von Rom von 869 (vgl. die Schreiben bei Mansi XVI, 
122 sqq.). Gleichwohl erkannte Papst Johann VIII. im Jahre 879 
nach Ignatius Tode den Photius an und zugleich ausdrücklich 
die von ihm erteilten Ordinationen (Jaffe, num. 2491. Die 
Schreiben bei Mansi XVI, 479; XVII, 136). 

5. Syn. Romana a. 897. Formosus, Bischof von Porto, war 
von seinem Gegner Papst Johann VIII. in römischen Synoden 876 
(Mansi XVII, 236, cf. Jaffe, Reg., p. 264) entsetzt und des 
Priestertums verlustig erklärt, von Papst Marinus I. im Jahre 883 
restituiert (Jaffe, p. 293), 891 zum Papste erwählt und konse- 
kriert (Jaffe, p. 298 sq.), 896 getötet worden. Sein Nachfolger 
Stephan VII. stellte den Leichnam Ende 896 oder Anfang 897 
vor das Gericht der Synode, diese unter des Papstes Vorsitz 
erklärte ihn für einen unrechtmässigen Papst und alle seine 
Weihen für nichtig (cf. die bei Jaffe, p. 303, angegeben Quellen, 
Hefele, Konziliengeschichte IV, 537 ff.). Diese Synode wurde 
898 unter Vorsitz des Papstes Johann IX. in einer bei St. Peter 
(Mansi XVIII, 221) abgehaltenen Synode verworfen, letztere von 
neuem bestätigt in einer zu Ravenna vom selben Jahr (Mansi 
XVIII, 229). 

6. Synodus Romana 1049 (Mansi XIX, 721). Papst Leo IX. 
erklärte die von simonistischen Bischöfen erteilten Weihen für 
ungültig und gebot die Reordination. 

7. Papst Uroan IL erklärte und liess durch die von ihm 
geleitete Synode zu Piacenza 1095, c. 5. (Mansi XX, 804), er- 
klären (aufgenommen in c. 24. C. I. q. 7), dass die von dem 



— 24 — 

exkommunizierten Bischof Guibert u. s. w. erteilten Weihen 
nichtig seien; die Gegner beschuldigten ihn deshalb auch der 
Ketzerei. Im Jahre 1089, 11. Sept., schrieb er (Jaffa, num. 4039; 
Mansi XX, 676), dass er über die Frage noch keine feste An- 
sicht habe, da eine synodus generalis darüber entscheiden 
müsse (vgl. meine Stellung der Konzilien, Seite 185, Nr. 236). 
Papst Paschal II. verschiebt dieselbe Frage auf ein Konzil 
(Mansi XX, 1027; cf. Jaffe, num. 4511). 

8. Can. 30. Conc. Lateran. II. vom Jahre 1139 (Mansi XXI, 
526) erklärt die vom Petrus Leonis (Gegenpapst Anacletus II., 
der Kardinalbischof von Porto war) erteilten Weihen für nichtig. 

9. C. 17. des zu Reims unter Vorsitz des Papstes Eugen III. 
am 21. März 1148 gehaltenen Konzils (Mansi XXI, 713): „Illud 
etiam, quod a prsedecessore nostro papa Innocentio statutum 
est, innovantes, ordinationes factas a filio Petri Leonis et aliis 
schismaticis et hsereticis, evacuamus, et irritas esse censemus." 
Vgl. meine Stellung, S. 192. 

10. Can. 2. Conc. Lateran. III., anni 1179 (Mansi XXII): 
„Quod a prsedecessore nostro p. m. Innocentio factum est, inno- 
vantes, declaramus, ordinationes ab Octaviano et Guidone 
hseresiarchis, nee non et Joanne Strumensi, qui eos secutus 
est, factas et ab ordinatis ab eis, irritas esse censemus; adji- 
cientes etiam, ut si qui dignitates ecclesiasticas, seu beneficia, 
per prsedictos schismaticos reeeperunt, careant impetratis." 

Unter ordinationes in diesen wie in den vorhergehenden 
Stellen sind nicht Verleihungen von Ämtern, sondern auch 
W T einen im eigentlichen Sinne gemeint. Solches geht einmal 
hervor aus der Allgemeinheit des Wortes und aus dem da- 
maligen Sprachgebrauche, in der letzten Stelle noch besonders 
aus dem „et ah ordinatis ab eis u , was nur „und von den von 
diesen Geweihten" heissen kann, ganz unzweifelhaft aus dem 
Zusätze „adjicientes" u. s. w., der zugleich die Verleihung auf- 
hebt, und unwiderleglich aus can. 5. ibidem: „Episcopus, si 
aliquem sine certo titulo, de quo necessaria vitse pereipiat, in 
diaconum vel presbyterum, ordinaoerit, tamdiu necessaria ei 
subministret, donec in aliqua ecclesia ei convenientia stipendia 
militise clericalis assignet ; nisi forte talis qui ordinetur, extiterit, 
qui de sua vel paterna hsereditate subsidium vitse possit ha- 
bere." Denn hier wird gerade eine Weihe ohne Amt, Anstellung 
an einer Kirche, vorausgesetzt. Wenn übrigens in Zeiten, wo 



— 25 — 

die Weihe nur unter gleichzeitiger Anstellung an einer Kirche 
gestattet war (mein Lehrbuch des Kirchenrechts, § 27), die 
Ordination für null und nichtig erklärt wird, so ist wegen der 
Allgemeinheit zugleich Anstellung und Weihe annulliert. Can. 2. 
Conc. Lateran. III. ist als c. 1. X. de schismaticis et ordinatis 
ab eis V. 8. in Gregors IX. Dekretalen übergegangen. 

11. Papst Paul IV. erklärt in der Bulle Cum ex apostolatus 
vom 15. Februar 1559, dass, wenn ein Ketzer oder Schismatiker 
zum Papste würde erwählt werden, er gar keine Gewalt er- 
langen werde, alle und jede Akte, die er vornehmen werde 
(omnia et singula per eos quomodolibet dicta, facta, gesta et 
administrata ac inde secuta viribus careant), jeder Wirkung 
entbehren sollten. 

Kardinal Rauscher (Observationes qusedam de infalli- 
bilitatis ecclesise subjecto, Neapoli 1870, pag. 51 sq.) hebt 
die in den Nummern 3, 4, 5, 6, 7, 11 erwähnten Fälle — 
bezüglich des letzten sagt er, dass die allgemeine Sprache 
Pauls IV. Ansicht ergebe, dass auch die von einem solchen 
Papste vorgenommenen Weihen ungültig seien — ausdrücklich 
als solche hervor, in denen „Päpste nicht die katholische Lehre 
vom Spender des Sakraments der Weihe festgehalten haben, 
sondern zeigen, dass sie glauben, das Sakrament der Weihe 
sei abhängig von der Würdigkeit des Spenders". Er sieht darin 
eines der unübersteiglichen Hindernisse, welche der Zulässig- 
keit der Infallibilitätserklärung des Papstes entgegenstehen. 

12. Diese Quellenstellen erschöpfen den Gegenstand bei 
weitem nicht. In dem Schreiben des Konzils von Niccea 325 
an die Bischöfe Ägyptens (Hefele, Konziliengesch. I, 337, 2. Aufl. 
353) wird referiert, dass die Synode bezüglich der von Meletius 
Geweihten die Reordination zuliess. Wenn Hefele im Texte 
hat: „die von ihm bestellten Kleriker aber sollen durch eine 
heiligere Händeauflegung gekräftigt und dann zur Kirchen- 
gemeinschaft zugelassen werden", dann in einer Anmerkung 
zum Worte „gekräftigt" wörtlich sagt: „d.h. nicht aufs neue 
geweiht, sondern revalidiert" : so ist das die offenbarste Ten- 
denzmacherei. Eine „heiligere Händeauflegung" ist nichts als 
eine neue Weihe. Seit man den character indelebilis hatte, fiel 
es niemand ein, einen exkommunizierten Priester bei der 
Wiederaufnahme durch neue, heiligere Händeauflegung zu 
kräftigen. Wenn die erste Weihe für gültig, valida, erachtet 



— 26 — 

worden wäre, würde die neue Händeauflegung so überflüssig 
als möglich gewesen sein. 

13. Die nach römischer (päpstlicher) Lehre achte öku- 
menische Synode von 869 (4. Konzil von Konstantinopel) (Mansi 
XVI, 162) sagt im can. 4: „Promulgantes (Photium) nunquam 
fuisse prius aut nunc esse episcopum, nee eos, qui in aliquo 
sacerdotali gradu ab eo consecrati vel promoti sunt, manere 
in eo ad quod promoti sunt . . . Sed et ecclesias quas, ut putatur, 
tarn Photius quam ii qui ab ipso consecrati sunt, dedieave- 
runt, vel si commotas mensas stabilierunt, rursus dedicari et 
inthronizari atque stabiliri decernimus." 

14. Papst Johann XII. entsetzte auf der römischen Synode 
964 den Papst Leo VIII. und erklärte alle von ihm Geweihten 
für ungültig geweiht (Mansi XVIII, 471). 

Wie die römischen, päpstlichen und sogenannten allge- 
meinen (ökumenischen) Synoden, also verfuhren auch parti- 
kuläre. 

15. Man annullierte in alten Zeiten Weihen aus bloss juristi- 
schen Gründen, wegen Übertretung von Verboten. Die von 
einem Bischof einem Mchtdiöcesanen ohne Zustimmung des 
eignen Bischofs erteilte Ordination wird für nichtig erklärt in *) : 

Can. 16. Conc. Nicceni, a. 325 (in c. 3. D. 71); can. 13 und 
22. syn. Antioch. in eneseniis, a. 341 (in c. 6. 7. C. IX. q. 2), 
can. 36. apostol. Syn. oecum. Ephes. von 431 (Mansi IV, 1211): 
^l^aovg Xgujcdg o qigs tu Tr t g TraQovarjg uyiWTutijg avvodov^ dXÄo- 
tqiov tivai tov avTov Nioiqqiuv tov f7ihtkottixov d'£ia)(.iaxog xal rtaviog 
ovlXoyov hQa%ixov." Also: er soll von der bischöflichen Würde 
und aller priesterlichen Gemeinschaft ausgeschlossen (fremd) 
sein. Das kann nur heissen : er hat aufgehört, Bischof u. s. w. 
zu sein. Synode von Arles vom Jahre 443 (452), c. 13: 

„Quod si aliquo commorationis tempore, invito episcopo 
suo in aliena ecclesia habitans, ab episcopo loci clericus fuerit 
ordinatus, huiusmodi ordinatio irrita habeatur." 



J ) Das Verbot selbst ohne die Folge findet sich im c. 24. von Elvira 306 
(Bruns II, 5); c. 5 Carthag. I. (Bruns I, 111), der sich auf das Conc. Sardic. 
bezieht, dessen c. 18 und 19 in die lateinische Übersetzung- nicht über- 
gingen ; Andegav. 453, c. 9 ; Tnron. 460, c. 9 ; Epaon. 517, c. 5 ; Aurelian. 538, 
c. 16 (nicht ganz klar) u. s. w. 



— 27 — 

Clericus ist allgemein zu nehmen, weil es vorher heisst; 
„Nullus cuiuscunque ordinis clericus, non diaconus, non pres- 
byter" u. s. w. 

Entscheidend ist der Vorgang auf dem Konzil von Chalcedon 
vom Jähre 451. Die von Photius von Tyrus während des 
Streites mit Eustathius von Berytus über die Metropolitanrechte 
geweihten drei Bischöfe waren deponiert und zu Presbytern 
degradiert worden; es wurde nun beschlossen, diese drei müssten 
als Bischöfe anerkannt und wieder eingesetzt werden. Die 
päpstlichen Legaten fügten bei: „einen Bischof zum Presbyter 
degradieren, ist ein Sacrilegium. Hat ein Bischof ein Verbrechen 
begangen, das seine Absetzung verdient, so darf er auch nicht 
Priester sein". Siehe Hefele, Konziliengeschichte II (2. Aufl.), 
462 ff. 

Zu Soissons wurde 853 (Mansi XIV, 987 sq,, actio VII) der 
Priester und Abt Halduin von Hautvilliers, weil er ohne Prüfung' 
und per saltum ordiniert worden war, der priesterlichen Würde 
entkleidet. 

Weihen, die mit Geld erkauft waren, wurden für ungültig- 
erklärt : 

C. 2. Conc. Chalcedonensis oscum., a. 451 : „Si quis episco- 
porum accepta pecunia ordinationem fecerit et in nundinationem 
deduxerit inappretiabilem gratiam atque ordinaverit episcopum 
sive chorepiscopum seu presbyterum seu diaconum aut quem- 

cunque alium qui connumeratur inter clericos ipse qui- 

dem subeat gradus sui periculum, et qui sie ordinatur, nullurn 
habeat fruetum ex huiusmodi mereimonio et creatione probrosa, 
sed sit alienus et dignitatis u u. s. w. 

Dieser Canon wird wiederholt in spätem Synoden, so fast 
wörtlich in der von zwei päpstlichen Vikaren geleiteten Synode 
von Toulouse von 1056 (bei Mami XIX, 847). 

Es ist durch die angeführten Stellen bewiesen, dass der 
Satz des Konzils von Trient von dem character indelebilis eine 
Definition enthält, deren Gegenteil von Päpsten, allgemeinen 
und partikulären Synoden seit dem 4. Jahrhundert bis zum 
Jahre 1559 ausgeführt, bezw. gelehrt worden ist. 

III. Der zweite oben unter II. ausgesprochene Satz, dass 
die Gültigkeit von juristischen Momenten abhängig erachtet 
worden sei, wird auf evidente Art bewiesen durch alle jene 



— 28 — 

Aussprüche, welche unter gewissen Bedingungen gestatten, einen 
von Ketzern u. s. w. Geweihten ohne neue Ordination die Weihen 
ausüben zu lassen. Das ist insbesondere der Fall in: 

1. Can. 8. Conc. Nicceni 325 (aufgenommen in c. 8. C. I. q. 7) 1 ). 
Der Wortlaut, insbesondere wenn man c. 9 hinzunimmt, zeigt, 
dass man die Weihe als solche nicht für unauslöschlich hielt. 

2. C. 68. Codicis ecclesise Africanse (Bruns I, 172), der 
dem einzelnen Bischof überlässt, ob er die zurückkehrenden 
Donatisten aufnehmen und als Geistliche anerkennen will. 
Wenn c. 48, der identisch ist mit c. 38. Conc. Carthag. III, die 
reordinationes verbietet, so sind diese etwas anderes, denn mit 
diesem Worte wird darin auch der Übergang von einer Kirche 
auf eine andere (reordinationes vel translationes) bezeichnet. 

3. Die siebente allgemeine Synode (Mansi XII, 992 sqq. 
1008 sqq.) nahm verschiedene von Ketzern Geweihte auf, 
ebenso liess die achte die vonMethodius und Ignatius Geweihten, 
welche sich Photius angeschlossen hatten, nach dessen Ab- 
setzung aber zurückkehrten, zu ohne neue Weihe, obwohl sie 
einen andern prinzipiellen Standpunkt einnahm (siehe vorher II, 
num. 13). 

4. Canon 9. Conc. Piacentini a. 1095 unter Urban II., auf- 
genommen in c. 5. C. IX. q. 1, der höchst charakteristisch ist. 
Nachdem c. 8, wie früher (oben II, num. 7) gesagt wurde, gene- 
rell die von häretischen und schismatischen Bischöfen erteilten 
Weihen einfach für nichtig und wirkungslos erklärt hat, wird 
das in can. 9 wiederholt bezüglich der von den namentlich 
exkommunizierten Häresiarchen und Eindringlingen erteilten 
Weihen, ausser wenn die Geweihten zur Zeit der Weihe nicht 
wussten, dass der Ordinator exkommuniziert war. Wer, heisst 
es, von Bischöfen ordiniert sei, die von der Einheit der römi- 



l ) Vgl. Hefele, Konziliengesch. I, 408 ff. Wenn dieser Gratian tadelt, 
weil derselbe im Canon « die Vorschrift einer neuen Priesterweihe findet», 
was gegen dessen Sinn, die alte Praxis und die Analogie mit den Mele- 
tianern sei — siehe vorher num. 12, woraus sich die petitio principii er- 
giebt — so ist das nicht am Platze. Denn Gratian bedient sich desselben 
Wortes wie die lateinische Übersetzung. Die Händeauflegung mit Gebet war 
die Form der Weihe, die Übergabe des Kelches gehört jener Zeit nicht an. 
Vor allem beweist Gratians Auffassung, dass man im 12. Jahrhundert die 
Wiederholung der Priesterweihe für möglich und zulässig hielt. Gratians Auf- 
fassung hat aber eine enorme Bedeutung. 



— 29 — 

sehen Kirche abgefallen, solle die Weihe behalten, wenn Leben 
und Kenntnisse ihn empfehlen; wer in Zukunft von solchen 
geweiht werde, solle diese Gunst nicht erlangen. Obwohl das 
Konzil diese Dispens aus Barmherzigkeit und wegen der Not- 
wendigkeit gebe, so sollen doch die heiligen Canones in Kraft 
bleiben, und sobald die Notwendigkeit entfalle, solle das wegen 
ihrer Verfügte entfallen. Deutlicher kann man gar nicht sagen : 
die Weihe ist an sich ungültig, wir dispensieren aber aus dem 
und dem Grunde von dieser Ungültigkeit 1 ). Deutlicher kann 
man die Ungültigkeit nicht abhängig machen von der sub- 
jektiven Würdigkeit. 

5. Papst Paschal IL erklärt auf der Synode apud Guarda- 
stallum 22. Oktober 1106 (Mansi XX, 1209): „er nehme die zur 
Zeit des Schisma ordinierten deutschen Bischöfe im bischöflichen 
Amte auf, wenn sie keine Eindringlinge, nicht simonisch oder 
verbrecherisch seien ; dasselbe solle von Klerikern gelten, 
welche Leben und Wissenschaft empfehlen". Da nun die von 
simonistisch auf ihre Sitze gelangten Bischöfen erteilten Weihen 
ebenfalls wiederholt für nichtig erklärt worden sind, wie die 
unzweifelhaften Aussprüche und Wiederholungen der Weihen 
von Leo IX. u. a. beweisen ; da aber zugleich beim Vorhanden- 
sein bestimmter Voraussetzungen von einer Wiederweihe ab- 
gesehen und der Geweihte aufgenommen wurde ; da jedoch die 
simonistisch erlangten Weihen unter allen Umständen für nichtig 
erklärt wurden 2 ) : so ist der Beweis für die aufgestellten Sätze 
geliefert. 

Regelmässig ist in den Gesetzen nicht gesagt, wie die 
Wiederaufnahme erfolgen solle, weil sich das von selbst ver- 



*) Kober, Die Suspension, S. 85, führt Urbans II. oben mitgeteilte Ver- 
fügung an als Beweis für die Anschauung, dass an sich die Weihe gültig 
gewesen sei, S. 189 aber dasselbe Konzil von Piacenza für die gegenteilige 
Ansicht, und sagt Seite 190 in aller Naivität, Urban II. habe bald so, bald 
anders entschieden. Kober hat nicht gemerkt, dass man die Wirkung der 
Weihe abhängig von Gesetzen ansah. Bezüglich der folgenden Stelle begeht 
er denselben Fehler. 

2 ) Es genügt zu verweisen auf c. 107 (ep. Nicolai II. über die Synode 
von 1059), 108 (Urban II. auf dem Konzil zu Piacenza 1095), 109, 110, 
113 sqq. C. I. q. 1, auf Leo IX., Gregor VII. u. s. w. 

Interessante Bestimmungen über gesetzwidrige Ordinationen enthält 
noch c. 12. Conc. Ilerdens. a. 549, über die Aufnahme c. 10. Conc. Aurelian. L 
a. 511 u. s. w. 



— 30 — 

stand, nämlich in derselben Weise, wie die Übertragung statt- 
gefunden hatte. Dass auch das deponere, degradare u. s. w. die 
Weihe vollständig entzog, ist für die alte Zeit gar nicht zu 
bezweifeln. Einzelne Zeugnisse liefern den vollen Beweis, 
namentlich can. 28 der vierten Synode von Toledo von 633, 
der lautet, Collectio Hispana. Matr. 1808, fol., col. 376): 

„Episcopus, presbyter aut diaconus, si a gradu suo deiectus 
in secunda synodo innocens reperiatur, non potest esse quod 
fuerat nisi gradus amissos recipiat, ut si episcopus fuerit reci- 
piat coram altario de manu episcoporum orarium, annulum et 
baculum; si presbyter orarium et planetam; si diaconus ora- 
rium et albam; si subdiaconus patenam et calicem; sie et re- 
liqui gradus ea in reparationem sui reeipiant, quee quum ordi- 
när entur perceperunt. u 

- Man hat sich früher und in neuerer Zeit (namentlich Kober } 
Die Deposition und Degradation, S. 108 f.) bemüht, zu dedu- 
zieren, durch die Deposition und Degradation seien nur alle 
Standesrechte, mit der äussern St&n&eswürde, verloren gegangen, 
nicht aber der innerliche Charakter, der character indelebilis. 
Ein Beweis ist dafür nicht erbracht, die Worte der Quellen 
sprechen unbedingt dagegen. Denn irritum, nulluni fruetum 
habere und dergleichen hat keinen Sinn oder den: nichts ist 
geschehen. Und wenn namentlich Kober deduziert zu haben 
glaubt, dass alle deponierten Kleriker die innerliche Befähigung 
behielten und dass daraus die Richtigkeit der Ansicht folge, 
dass alle, sämtliche ordines am Wesen des Sakramentes parti- 
cipieren, nicht bloss Eposcopat, Presbyterat und Subdiaconat: 
so würde gerade das beweisen, dass seine Ansicht falsch ist. 
Denn dass alle ordines unter dem Diaconat weder von Christus 
noch von den Aposteln eingesetzt sind, noch sich auf sie zurück- 
führen lassen, ist unzweifelhaft. Und wenn, was wieder un- 
zweifelhaft ist, der Empfang der niedern Weihen in der alten 
Kirche absolut nicht nötig war, um Diakon oder Presbyter zu 
werden : so folgt daraus, dass diese Weihen mit dem Sakramente 
nichts zu thun haben. Haben nun alle deponierten Kleriker 
ihre innerliche Befähigung, die ja bei den ordines unter dem 
Presbyter überhaupt gar keine Befähigung oder Macht ver- 
leiht, welche nicht, abgesehen vom positiven Gesetze, jeder Laie 
auch üben könnte, trotz der Deposition beibehalten : so würde das 
gerade beweisen, dass es gar nicht auf ein sakramentales Wesen 



— 31 — 

angekommen wäre, sondern dass lediglich rechtliche Anschau- 
ungen, und dass einfach positive Gesetze entschieden hätten. 
Der Vorgang der Synode von Toledo von 633 ist ohne Zweifel 
auch entscheidend für frühere spanische Synoden, die man dafür 
anführt/ dass keine neue Ordination nötig gewesen sei. So die 
von Saragossa von 592 c. 1 (Coli. Hisp. col. 305) : „placuit s. ac 
von. synodo, ut presbyteri qui ex hseresi Ariana... conversi sunt, 
qui sanctam et puram fidem atque castissimam tenuerint vitam, 
accepta demum benedictione presbyteratus sancte et pure minis- 
trare debeant : ceteri vero qui hanc suprasciptam vitam adim- 
plere vel teuere neglexerint, ab officio depositi sint in clero". 
Der can. 3 des von Sevilla von 618 (ibid. col. 641) : „Desertorem 
autem clericum cingulo honoris atque ordinis sui exutum aliquo 
tempore monasterio deligari convenit, sicque postea in minis- 
terium ecclesiastici ordinis revocari", hat etwas anderes im Auge, 
da er deutlich von revocare in ministerium spricht und nur 
das Abzeichen eine Zeitlang entzieht. Wenn, wie Kober Seite 102 
meint, die Rückgabe der Zeichen in c. 28 der Synode von 
Toledo unwesentlich war, weshalb wurde sie denn vorgenom- 
men? Die Benediktion mit Übergabe der Zeichen geschah 
ja bei der Ordination ; wurde jene vorgenommen, was sicher 
auch nach c. 28 zu geschehen hat, da ohne solche die Über- 
gabe nicht stattfand, so war doch die Form der Weihe vor- 
handen. 

Den Gesetzen der Päpste wie derjenigen Synoden, welche 
den Charakter von partikulären oder von allgemeinen nach 
römischer Anschauung besitzen, ist mithin bis ins 12. Jahr- 
hundert die Anschauung völlig fremd, wonach die W'eihe zum 
Priester oder Bischof als solche eine gewisse Befähigung erteile, 
welche unter keinen Umständen entzogen werden könne und 
welche zur gültigen Vornahme einer Weihehandlung stets be- 
fähige. Vielmehr kennen jene Gesetze eine Anzahl von Fällen, 
in denen eine Weihe, welche alle objektiven rituellen Eigen- 
schaften besass — nie wird ein derartiger Mangel als Grund 
der Ungültigkeit hervorgehoben — trotzdem nichtig und wirkungs- 
los ist *). Keineswegs liegt das Motiv allein oder hauptsächlich 



*) Um zu zeigen, was man trotz der in jeder Bibliothek vorhandenen 
Werke, welche die oben mitgeteilten päpstlichen und Synodalaussprüche 
enthalten, den Katholiken bieten darf, sei aus dem mit verschiedenen 
bischöflichen Approbationen versehenen Enchiridion symbolornm et defini- 



— 32 — 

in der Anschauung: es sei die Gültigkeit des Akts von der 
persönlichen Würdigkeit des Spenders abhängig. Dies zeigt 
sich in der Erklärung, dass die Weihe gültig sein solle, wenn 
der Geweihte zur Zeit der Weihe die simonistische Eigenschaft, 
also die persönliche Unwürdigkeit des Ordinators nicht kannte, 
und wenn dieser für katholisch galt, vorausgesetzt, dass lauda- 
büis vita den Geweihten empfehle (c. 108. C. I. q. 1. can. 3. 4. 
Conc. Piacent. 1095). 

Zugleich liferte dieser Fall den Beweis, dass man die Gültig- 
keit der Weihe von irgend einem äussern, nicht mit der Form, 
Materie, Spender zusammenhangenden Umstände, in den letzt- 
genannten Stellen von der laudäbilis vita des Geweihten, in c. 5. 
C. IX. q. 1 in dem can. 9 desselben Concils von der Notwendig- 
keit abhängig machen konnte. Hieraus folgt aber mit Ent- 



tionum, quse de rebus fidei et morum a conciliis oecumenicis et summis 
pontificibus emanarunt . . edidit Henü. Denzinger, Wirceburgi 1865, editio 
quarta, pag. 134, num. XLII folgende Stelle abgedruckt : 

« Paschalis II. decretum in Concilio Lateranensi, a. 1116 : 
««Gravis sseculo X exorta fuerat controversia, utrum ordinationes 
« heereticorum et simoniacorum validse essent, nee ne, eo quod antiquio- 
« rum quidam irritas (quoad usum nempe) statuissent. Jam tarnen Clemens II. 
« in Romana synodo 1047 poenas simoniace ordinatis infligens, validitatem 
« tarnen ordinationum agnoverat. Quod decretum Leo IX. in Romana 
« synodo 1049 confirmavit, hsereticorumque ordinationes validas esse per 
« transennam declaravit. Nicolaus vero II. in Romana 1059 eos, qui hac- 
« tenus a simoniacis gratis fuerant ordinati, in gradu remanere permisit. 
« Idem Urbanus II. in Piacentina 1094 de iis statuit, qui nescii a simo- 
« niacis fuissent ordinati, et iis, qui a schismaticis, quos tarnen vita et scientia 
« commendarent. Denique Paschalis II. sequentia statuit, post quse omnino 
« sopita est controversia.»» 

« Quoniam Ecclesia in multis locis et maxime in Teutonicis partibus 
diu laboravit sub hseresi et schismate, et, si omnia illa, quse ab Ulis hsere- 
ticis et schismaticis ordinata sunt, annullari deberent, qusedam ecclesise om- 
nino nudari viderentur suis clericis ; nos, sequentes decreta sanetorum Patrum 
de his, qui sub Acacio et Bonoso et Donadistis ordinati sunt, statuentes 
decrevimus, ut episcopi, qui sub isto schismate ordinati sunt, omnes in 
suis honoribus permaneant, nisi sint invasores aut criminosi. De eseteris 
vero ordinibus penes episcopos potestas sit, ut, quorum vita probabilis vi- 
deatur, in suo gradu consistant. » 

Unverschämter als in der Einleitung zu dieser Stelle, die gar keine prin- 
zipielle Entscheidung giebt, durch positive Unwahrheiten und durch Ver- 
schweigen geschieht, kann man schon nicht reden. Aber für den katho- 
lischen Theologen ist natürlich das approbierte « Handbuch der Glaubens- 
formeln » Autorität. 



— 33 — 

sehiedenheit, dass man die ganze Frage nicht in Verbindung 
brachte mit dem sakramentalen Charakter der Weihe, vielmehr 
in dem Sakramente die Erteilung der nötigen Gnade zur Ver- 
waltung der einzelnen Stelle erblickte, ja dass man Weihe und 
Anstellung in der Theorie und Gesetzgebung so wenig schied, wie 
dies von Anfang der Kirche der Fall war. Nach der alten Kirchen- 
lehre geht durch die Ausstossung aus dem Klerikate (Deposition), 
sowie in gewissen Fällen durch die Exkommunikation nicht 
bloss das Amt, oder das Recht der Ausübung geistlicher Funk- 
tionen verloren, sondern es geht jede durch die Ordination 
erteilte Macht oder Befähigung vollkommen unter. Es wäre 
auch merkwürdig, wenn nur für die nachgewiesenen Fälle die 
Eigenschaft des character indelebilis latent gewesen wäre. 

IV. Während die Quellen lehren, dass die Gesetze bis auf 
das 13. Jahrhundert in diese Frage niemals den Sakraments- 
begriff hineinmischen, findet sich seitdem ein verschiedener 
Usus, ähnlich wie in anderen Dingen. Die alte Kirche hielt 
sich bei den dogmatischen Definitionen einfach an den Glauben, 
nicht an theologische Auffassungen und Deduktionen. Deshalb 
definierte sie nichts als Glaubenssatz, was aus dem Grunde zu 
glauben nicht nötig war, weil es nicht stets, überall und von 
allen im Glaubensbewusstsein gehalten war. Und aus demselben 
Grunde liefert kein Gesetz der alten Kirche den Beweis, dass 
man aus theologischen Auffassungen Rechtssätze hergeleitet und 
wegen jener als zwingende aufgestellt hat. Man stellte viel- 
mehr als Rechtssatz auf, was sich den Verhältnissen gemäss 
als nötig ergab, oder was wegen solcher beliebt wurde. Nach- 
dem aber seit Innocenz III. und besonders zu Trient ein Ge- 
bäude aufgeführt wurde, das seine Grundlagen zum Teil in 
theologischen Deduktionen hat, die man mit dem Charakter von 
Glaubenssätzen bekleidete, und nachdem man dementsprechend 
Gesetze gab und Rechtssätze aufstellte, die als Konsequenz solcher 
Dogmen einen gleichen Charakter mit denselben erhielten, kann 
man sich nicht wundern, sondern wird leicht begreifen, dass 
zwischen diesen „dogmatischen Konsequenzen" und den wirk- 
lichen Sätzen der alten Kirche unlösbare Widersprüche vor- 
liegen. Hat man diese in der Regel seitens der Juristen über- 
sehen, so erklärt sich das, wie ich in meiner Schrift „die Stel- 
lung der Konzilien ", S. 3 ff. hervorgehoben habe, daraus, dass 



— 34 — 

man es vortrefflich verstand, Thatsachen als Recht und als 
Glaube erscheinen zu lassen. Dem historischen Forscher macht 
der Widerspruch keine Gewissensskrupel, aber dem vernünftigen 
Katholiken ebensowenig. Denn nur dadurch, dass man ver- 
meinte, es sei gut, alles hinzunehmen, es sei pietätswidrig, das 
innere Elend an die grosse Glocke zu hängen, ist es möglich 
geworden, selbst Absurditäten, z. B. die päpstliche Unfehlbar- 
keit, als Glaubenssatz aufzustellen. Die Kirche kennt, wie ich 
a. a. 0. Seite 37 ff. erwiesen habe, keine mechanische Unfehl- 
barkeit, wieder des Papstes, noch der Bischöfe, noch des Kon- 
zils, sondern sie sieht nur das als unfehlbar an, was als Christi 
Lehre erwiesen ist. Widersprüche wie der vorliegende und 
andere müssen aber zu einer gründlichen Untersuchung aller 
Punkte veranlassen, welche dann das Material des Besser- 
werdens liefert. Ich kehre nach dieser absichtlichen Digres- 
sion zum Gegenstande zurück. 

Bekanntlich w^ar bis auf das Konzil von Arles und Nicäa 
die Ansicht über die Gültigkeit der von Ketzern gespendeten Taufe 
verschieden; das erste Konzil erklärte sie für gültig und das 
von Nicäa forderte die Wiederholung nur für die von den 
Paulianisten erteilte (can. 28 Arelat., can. 19 Niesen.). Man ging 
dabei offenbar von dem Grundsatze aus, dass die Taufe nur 
einmal erteilt werden könne, weil sie dem Menschen eine Eigen- 
schaft gebe; habe nun eine Person überhaupt die Macht, zu 
taufen, so könne sie diese nicht verlieren. Weil die Fähigkeit, 
zu taufen, jedem zugestanden werden musste, da die objektive 
Handlung unveränderlich w r ar, verstand sich die Gültigkeit der 
Ketzertaufe, wenn sie im Namen der Dreifaltigkeit erfolgte, 
von selbst. Damit war aber das Recht oder die Fähigkeit, die 
Taufe gültig zu spenden, notwendig nicht mehr als Äusfluss einer 
eigentümlichen Macht aufgefasst, folglich auch nichts speeifisch 
Priester liches mehr. Unzweifelhaft fasste man aber auf und 
musste man auffassen das Recht, zu weihen, als Folge einer Macht, 
die man nur den legitimen Personen zuschrieb. Deshalb erklärt 
Cyprian den Novatian für keinen Bischof (ep. 52, vgl. c. 5. 6. 
C. VII. q. 1), weil er die Gewalt nicht erhalten; deshalb spricht 
Innocenz I. dem von Ketzern Geweihten die Weihe ab, weil 
jene nichts zu geben hätten (c. 18. C. I. q. 1). Wenn nun ein 
Fall vorlag, wo kein positives Gesetz die Weihe verbot oder 
für ungültig erklärte: so kam, wie bei der Taufe, die Eigen- 



— 35 — 

schaft des Weihenden, wenn er Bischof war, nicht in Betracht. 
War also z. B. einer zuerst als Bischof anerkannt gewesen und 
später Ketzer geworden, so konnte man die von ihm erteilten 
Weihen anerkennen, ebenso wenn der Geweihte den Zustand 
des Weihenden nicht kannte, oder wenn ein öffentlicher Grund 
vorlag Milde zu üben, lauter Dinge, die durch die angeführten 
Gesetze bewiesen sind. In diesen Fällen liess man also ein 
Fortbestehen der Macht, beziehungsweise der Wirkung zu; sie 
bestand in dem Ausüben priesterlicher Funktionen. Theologisch 
ausgedrückt hiess das: die durch das erteilte Sakrament gege- 
bene Macht bleibt haften. Diese Anschauung finden wir denn 
auch bereits ausgesprochen in einem Briefe 1 ) des Papstes Anasta- 
sius IL von 497 an den Kaiser Anastasius, welcher die von 
Acacius erteilten Weihen anerkennt, weil die Eigenschaft der 
Person gleichgültig sei für die Wirkung des Sakraments. Er 
stand dabei ganz auf der vom hl. Augustinus 2 ) ausgeführten 
Anschauung. 

Aber so sehr diese Theorie auch für den character indele- 
bilis geltend gemacht worden ist, hat sie doch nichts damit zu 
thun. Denn erstens sind die beiden Fragen: hat die Würdig- 
keit der Person Einfluss auf das Sakrament ? und : ist die Wir- 
kung eines Sakraments der Art, dass es nicht wiederholt werden 
kann? voneinander ganz unabhängig, wie sich noch heute bei 
der Busse, dem Abendmahl u. s. w. zeigt. Zweitens ist nicht 
einmal wahr, dass die Würdigkeit der Person ohne Einfluss ist, 
wie noch die heutige Theorie über das Busssakrament trotz 
aller Sophismen zeigt (darüber in einem spätem Aufsatz). 



*) Bei Thiel, Epist. Rom. Pont. I, p. 621, cap. 7, 8. Vergleiche dessen 
Noten dazu. Gratian führt im Dictum zu c. 8. D. 19 den Brief an zum Be- 
weise, dass Anastasius gegen die Dekrete seiner Vorfahren gehandelt habe. 
Ist auch diese Annahme falsch, so beweist sie doch, dass die im Briefe aus- 
gesprochene Theorie selbst in der Mitte des 12. Jahrhunderts noch nicht 
allgemein anerkannt war. 

2 ) Contra Parmen. c. 2. 10. 11. 13. 23 u. a. (einige Stellen auch abge- 
druckt bei Thiel 1. c). Reusch in dieser Zeitschrift, I. Jahrgang, Seite 181 ff., 
in der Abhandlung « Die Siebenzahl der Sakramente » sagt Seite 183 : « sacra- 
mentum ist hier das, was man später character indelebilis genannt hat.» 
Aber wenn Augustinus sagt, schismatischen Bischöfen non ipsa ordinationis 
sacramenta detrahuntur, sed manent super eos, so folgt das von Eeusch 
Gesagte nicht daraus, weil Augustinus die Bischofsweihe nirgends als Sakra- 
ment im heutigen Sinne hinstellt. 



— 36 — 

Drittens, und das ist von besonderer Bedeutung, ist bereits be- 
wiesen, dass Päpste und Konzilien bis zum 3. Konzil vom Lateran, 
ja bis auf Papst Paul VI. nicht im klaren waren. Viertens 
nahm das ältere Recht eine Belassung der Wirkung nur für jene 
Fälle an, wo das Recht sie nicht entzog. Es ist mit einem Worte 
hier nicht anders gewesen als später bei der Busse und Ehe. 
Wenn ein Gesetz sagt: eine Ehe ist in dem und dem Falle 
ungültig, sieht man die gegen das Gesetz geschlossene Ehe für 
uugültig an. Gerade so verfuhr man bezüglich der Weihe. 
Anders aber wurde es, seitdem eine Sakramentstheorie in der 
Theologie aufkam, welche sich an Petrus Lombardus anlehnt. 
Diese führte dahin, einerseits von der Würdigkeit des Aussjpenders 
ganz abzusehen und anderseits die Wirkung des Aktes nur von 
der Setzung der objektiven Momente desselben abhängig zu 
machen. Man argumentierte: Wie die Taufe für immer zum 
Christen macht, so führt die Weihe für immer in den Klerus 
ein und prägt der Seele ein unauslöschliches Kennzeichen auf. 
Das Konzil von Trient hat diese Theorie mit dogmatischem 
Charakter bekleidet. 

V. Wie stellen sich die Kanonisten l ) zu der Frage ? 

Gratian (im Dekret, gemacht zwischen 1138 und 1142) kennt 
den Ausdruck sacramentum in der heutigen Bedeutung nicht, da 



*) Ich führe einige Stellen der Glossa ad Decretum Gratiani an (siehe 
meine Geschichte der Quellen und Litteratur des kanonischen Rechts I, 
216, 227, II, 86 [Glossa ordinaria], 476, 491) und hierzu die notse der Cor- 
rectores Romani in der römischen offiziellen Ausgabe von 1582 (darüber 
und über die Corr. Rom. meine Geschichte I, 72 ff., II, 23 u. a.). Gl. ad 
verbum significavit im c. 2. D. 26: « et ita ipse episcopus est sacramentum, 
sicut aqua ipsa I. q. 1. Detrahe verbum ab aqua, quid erit nisi aqua?» 
Nota der Corredores Romani : « Neque episcopus neque aqua proprie est 
sacramentum. Vide Turrecrematam hie ». — Gl. omnes zu c. 1. D. 5. de con- 
secr. hebt hervor, mit Recht werde zuletzt die Firmung behandelt, « quia 
est ultimum inter alia sacramenta necessitatis praeter unetionem infirmorum, 
quse non ita proprie dicitur sacramentum, maxime seeundum opinionem 
eorum, qui dieunt, eam iterari posse, nam sacramenta non iterantur, ut supra 
proxima distinetione. » Nota der Corredores Romani : « Immo et ipsa pro- 
prie sacramentum est: Conc. Trident. sess. 7. can. prim. et possunt iterari 
sacramenta illa, quse non imprimunt characterem : S. Thom. par. 3. q. 73. 
ar. 6. » So beweist man aus dem Späteren die Unrichtigkeit von über drei- 
hundert Jähe älteren Anschauungen. Geschichte ist das nicht. Gl. v. no- 
mini ad c. 97. C. I. q. 1 : « Hoc de baptismo sacerdotis, in quo potestas bap- 



— 37 — 

ihm z. B. auch die Einweihung einer Kirche Sakrament ist (z. B. 
c. 106. C. I. q. ■!),' bei der Taufe nach ihm verschiedene vor- 
kommen; ebensowenig setzt er alle Sakramente auf gleiche 
Stufe. Das ergiebt sich schon aus der Stellung im System: 
Taufe, Eucharistie und Firmung stehen im dritten Teile, noch 
mehr aber aus einer andern Klassifikation. Nach älterm Vor- 
gange teilt er die Sakramente ein in sacramenta necessitatis, 
die nicht genommen und nicht wiederholt werden können, und 
sacramenta dignitatis, welche von unwürdigen Personen oder un- 
würdig gespendet, zwar die Wesenheit nicht ändern, aber bezüg- 
lich der Ausführung modifiziert werden. Vgl. zu c. 39. C. I. q. 1. 
Die Ordination wird nicht der Person, sondern wegen anderer 
erteilt, bedarf daher anderer Sätze : c. 43, auch c. 42 ibid. Nur 
die Taufe kann auch ausser der Kirche und von Ketzern erteilt 
werden : c. 45 und 74 daselbst, alle andern Sakramente ändern 
sich nicht, wenn sie innerhalb der Kirche von Guten oder 
Schlechten gespendet werden: c. 75 ibid. Ist die Ordination 
ausserhalb der Kirche von Ketzern oder Schismatikern ge- 
spendet, so ist sie wirkungslos : c. 97. § 4. Wird sie simonistisch 
erteilt, so kommt es darauf an, ob der Geweihte dies wusste, 
ob er nicht etwa gezwungen wurde u. s. w. Somit legt Gratian 
Gewicht auf die Zurechnungsfähigkeit, entscheidet aber über- 
haupt in der früher entwickelten Weise : ad c. 106 sqq. C. I. 
q. 1. Rücksichtlich der Exkommunikation wird ähnlich ent- 
schieden : wer in der Kirche ordiniert ist, dann exkommuniziert 
wird, verliert die Weihe nicht, wer aber von einem ausser der 
Kirche stehenden exkommunizierten Ketzer geweiht ist, ist 
nicht geweiht: zu c. 3. 5. C. IX. q. 1. Die Theorie des char acter 
indelebilis ist Gratian unbekannt. Gratians Anschauung ist ziem- 



tizandi est sacramentum : in laico est qusedam licentia, non sacramentum. 
Argumentum quod scientia hseretici valeat, et ligatio et solutio, cum ius 
ligandi, iudicandi atque solvendi a tempore consecrationis acceperit : supra 
dist. 48. 3. c. 1. » Nota der Corredores Bomani zum Worte sacramentum : 
« scilicet est ius dandi, qua non habet nisi ex permissione ; sed si confert 
est verum sacramentum, quod die, ut legitur et notatur de consecr. dist. 4 
sanetum. Arch. », und zu hseretici : « Hseretici non possunt ligare, et solvere, 
„et si fecerint nihil actum est, quia iurisdictionem non habent. B. Thom. 
2. 2. q. 39. ar. 3 et 4. dist. 19. q. 1. ar. 2, q. 3, AI. 68. » So muss erst Arch.., 
das ist Guido de Baysio (meine Gesch. II, 186 ff.), der später als die Glossa 
fällt, dann Thomas helfen, das Ältere auszulegen. Das ist die römische 
Weisheit und Wissenschaft. 



— 38 — 

lieh durch das ganze zwölfte Jahrhundert hindurch mass- 
gebend geblieben. 

Wie hinsichtlich des Charakters des Ordinierten überhaupt, 
so weicht die mittelalterliche Anschauung von der dogmatischen 
Formulierung des Konzils von Trient auch wesentlich ab bezüg- 
lich des Verhältnisses der Priesterweihe zur Bischofsweihe. Gratian 
spricht sich darüber theoretisch nicht anders aus als im Ein- 
gange zu D. XXI, wo er den Unterschied auf die Heiden zurück- 
führt, die ihre flamines und archiflamines gehabt hätten, sodann 
auf die Apostel und Jünger ; das eigentlich unterscheidende Mo- 
ment scheint er zu c. 3. D. XXI in der auetoritas zu finden. Dieser 
Standpunkt ist der konstante. Alien Kanonisten des 12. Jahr- 
hunderts ist der Unterschied zwischen Bischöfen und Priestern 
ein juristischer, der beruht auf einer dignitas, bestehend in einer 
höhern Autorität, einer Leitung. Das heben sie teils ausdrück- 
lich hervor, teils nehmen sie es stillschweigend an. Letzteres,, 
wenn sie den ordo preshyteralis für den höchsten ordo er- 
klären und den Unterschied zwischen Priestern und Bischöfen 
darein setzen, dass letztere erstem vorgehen ex digniiate pree- 
lationis, administrationis u. dgl., und wenn sie den Vergleich 
des Vorrangs des archidiaconus vor dem archipresbyter machen. 
Den Beweis liefern: Paucapalea (Summa, gemacht zwischen 
1144 und 1150, meine Ausgabe Giessen 1890, Seite 21) zum 
dict. Gratiani ad c. 1. D. 21 : „In civitatibus Ulis, in quibus 
olim apud ethnicos primi flamines et primi legis doctores eorum 
erant, beatus Petrus primates episcoporum vel patriarchas poni 
prseeepit, qui reliquorum causas et majora negotia agitarent. 
Sed in iliis locis, in quibus erant eorum archiflamines, qui mi- 
nores primatibus habebantur, achiepiscopos institui prseeepit. 
In singulis aliis civitatibus singulos episcopos ordinari prseeepit, 
qui episcoporum tantum vocabulo potirentur." Diese naive 
Erzählung entbehrt bekanntlich jedes historischen Grundes, 
beweist aber, dass lediglich die Autortät und äussere Ordnung 
für ihn entscheidet. 

Rolandus (der spätere Papst Alexander III.) Summa (vor 
1153 gemacht) ad C. I. q. 5 bis 7 (edit. Thanex, pag. 14 sq.) hat 
genau dieselbe Erörterung als Gratian. Seine Worte zu q. 5 
zeigen, dass er die Weihen und das Amt bestimmt scheidet. 
Er lässt die Weihen der von Ketzern „violenter attracti a catho- 
licis in forma ecclesise ordinati", wenn sie sich trennen, gelten, 



— 39 — 

in jedem anderen Falle verlangt er, „si digni fuerint in venu" 
Reordination ; „qui vero non coactus sed ultroneus ab hseretico 
ordinatur, hie nimirum derigore iuris absque indulgentia degra- 
datur, sed de misericordia in proprio ordine sine spe promotionis 
reeipitur." 

Ganz besonders entscheidend ist die 1156 sicher vollendete 
Summa des Rufinas ad c. 2. D. XXI (meine Ausgabe Giessen 
1892, 8. 39): „Petrus igitur, ex prserogativa consecrationis apos- 
tolorum primorum neminem excellebat, quia in pontificatus 
apicem consecrati sunt. Itidem propter dignitatem minoris 
ordinis non submittebantur ei ; omnes enim sacerdotes erant, 
quo ordine malus superior reperitur : episcopatus enim et huius- 
modi non proprie sunt ordines, sed dignitates. u Dignitas ist noch 
heute der technische Ausdruck für ein mit Jurisdiktion ver- 
bundenes Amt. 

Stephan von Tournay in der vor 1159 gemachten Summa 
(meine Ausgabe, Giessen 1891, S. 31) ad c. 2. D. 21: „Sed eos 
pares intelligimus apostolatus ordine, Petrum vero maiorem 
aliis prselationis dignitate. Prselatio namque inter clericos ali- 
quando provenit ex dignitate consecrationis, aliquando ex 
dignitate ordinis, aliquando ex dignitate dispensationis vel ad- 
ministrationis. Ex dignitate consecrationis prseest episcopus 
cuilibet clerico, etiam presbytero; ex dignitate ordinis prseest 
archipresbyter archidiacono ; sed e converso ex dignitate ad- 
ministrationis archidiaconus prseest archipresbytero. Sic et 
Petras aliis prsefuit apostolis admiiiistratione, non consecratione ? 
vel ordine 1 )." 

Es ist unzweifelhaft, dass die ältere Theorie wohl den ordo 
sacerdotalis als mit einem character versehen auffassen konnte ? 
die consecratio episcopalis aber absolut nicht so aufgefasst hat. 



*) Andere Stellen in meinem Buche, Die Stellung der Konzilien u. s. w., 
S. 254 ff., von Johannes Faventinus, Huguccio. Auf diese Deduktion basieren 
diese und andere Kanonisten auch den Primat des Papstes, indem sie die 
Leitung, Administration betonen. Eine weitere Argumentation derselben 
ist : die niedere Autorität untersteht der höhern, folglich richtet diese über 
jene, der römische Papst hat die höchste, ergo richtet über ihn keiner. Das 
gilt nur, solange die Autorität legitim ist. Fällt der Papst in Ketzerei, so 
richten über ihn die Untergebenen und setzen ihn ab, damit hat er seine 
Autorität verloren. Die a. a. 0. abgedruckten Stellen, besonders von Hu- 
guccio, führen das eingehend aus. Von einem character findet sich bei 
keinem der Kanonisten auch nur die leiseste Idee. 



— 40 — 

Nur so ist erklärlich, dass die alte Praxis Weihehandlungen 
abgesetzter, wegen Ketzerei, Schisma, Simonie exkommunizierter 
Bischöfe je nach den Umständen für gültig oder ungültig er- 
klären konnte. Jene Theorie macht begreiflich, dass man zahl- 
reiche Päpste abgesetzt hat und trotzdem eine ununterbrochene 
Succession im Primate annahm. Es herrschte die rein juristische 
Auffassung vor. 

Die Theorie des 12. Jahrhunderts über die Auffassung von 
Priestertum und Episkopat, über den Grund des Vorrangs des 
Papstes hält noch fest die Glossa des Johannes Teuto?iicus (ge- 
macht vor 1215. Meine Geschichte I, 173) verbo pari ad c. 2. 
D. XXI: 

„Argum. quod omnis episcopus sit par apostolico [d. h. 
dem Papste] quantum ad ordinem et rationem consecrationis ; 
24. q. 1. loquitur in princ. Petrus tarnen maior fuit aliis in 
administratione : ut 2. q. 7 puto. Potest enim aliquis esse maior 
alio in ordine, sed tarnen minor in administratione, ut archi- 
presbyter maior est archidiacono, ut 25. dist. perlectis u (nach 
der römischen Ausgabe von 1584). 

Im 13. Jahrhundert bricht sich aber die Ansicht Bahn, die 
consecratio episcopalis sei ein sakramentaler Akt, der Bischof 
unterscheide sich innerlich durch einen character vom Priester, 
der bischöfliche Charakter sei indelebilis. Als notwendige Folge 
musste man auch die von ketzerischen, schismatischen, degra- 
dierten Bischöfen erteilten Weihen für gültig erachten, sobald 
feststand, dass die Weihenden selbst zu Bischöfen in der geltenden 
Form von Bischöfen konsekriert seien, also die innern Formen 
erfüllt waren. Zuerst ist diese Auffassung von Theologen ge- 
lehrt worden, auf deren Ansichten ich nicht weiter eingehe, 
weil für mich der Schwerpunkt in der massgebenden Ansicht 
der Kanonisten und in den Rechtsquellen liegt, bezüglich der 
Theologen der bald zu erwähnende Hauptrepräsentant genügt. 
Wir sahen, dass das dritte lateranensische sogenannte ökume- 
nische Konzil von 1179 die Theorie des character indelebilis 
noch nicht kennt. In den Dekretalen Gregors IX. tritt sie uns auch 
noch nicht entschieden entgegen. Denn der lateranensische 
Kanon ist in c. 1. X. de schismat. V. 8. aufgenommen worden. 
Aber das c. 1. X. de ordinato ab episc. qui renunt. I. 13. ent- 
hält eine Dekretale Alexanders III., welche wenigstens die 
von einem resignierten Bischof erteilten Weihen als gültig un- 



_ 41 — 

bedingt anzuerkennen scheint, c. 2 desselben Titels und c. 2. 
X. V. 18 lassen bereits das Dispensrecht allgemein zu. Als 
selbstverständlich erscheint die Anschauung von dem character 
indelebilis bereits in der Glosse des Bernhard von Pavia fum 
1190, meine Geschichte I, 175 ff.). Gl. ad. v. executionem zu 
c. 1. X. I. 13: „Ergo suspensus est, qui a suspenso recipit 
ordines: I. q. 1. c. statuimus, et resignatio non abstulit illi 
ordinem, sed executionem." Deutlich liegt das in der Dekretale 
nicht für jeden dort berührten Fall. — Gl. excom. zu c. 2. 
ibid.: „secus in ordine; quia licet sit extra ecclesiam, charac- 
terem tarnen retinet, et illum potest conferre, si ecclesice forma 
servettir. u Die Gl. zu c. 1. X. V. 8. sucht zu deduzieren, der 
lateranensische Kanon habe ebenfalls nur die executio im Sinne. 
Dies bildet den Beweis dafür, dass, sobald eine neue Ansicht 
sich festsetzte, man die ältere Quelle so interpretierte, dass sie 
mit der spätem harmonieren musste. 

Die volle Ausbildung der Theorie ist das Verdienst des 
Thomas von Aquino, dessen Deduktion schon aus dem Grunde 
einer Darlegung bedarf, weil diese zum Verständnis des heutigen 
Rechts nötig ist. Ich beschränke mich aber auf die für die 
juristische Beurteilung wesentlichen Punkte, die Mittlerrolle 
des Priesters und andere Punkte beiseite lassend. Seine Theorie 
ist folgende. Der ordo ist ein Sakrament x ) ; der character sacer- 
dotalis wird eingeprägt durch die Übergabe des Kelches unter 
Anwendung der vorgeschriebenen Worte 2 ). Dieser character 
ist indelebilis*) und bleibt auch im Himmel und in der Hölle. 



*) Summa tertise partis Supplem. q. 34. art. 3 {Migne IV, col. 1044). 
Wenn heute jemand keine bessern Gründe anzugeben wüsste, als die hier 
entwickelten, so würde er sich lächerlich machen. Ich citiere aber gerade 
diese absichtlich, damit, wer sie nicht kennt, einmal erfahre, mit welchen 
Argumenten St. Thomas selbst solche Dinge behandelt. 

2 ) Ibidem q. 37. art. 5. Die Beweisführung gehört ebenfalls zu den 
sonderbaren Dingen. 

3 ) Denn «per mortem homo non perdit ordinem sacerdotalem», ist 
ordinis character in anima: Summa P. III. q. L. art. 4. ad 3; der character 
ist «in anima sicut quaedam virtus instrumentalis»: ibid. LXIII. art. 2. 
keine gratia. Da nun die « gratia est in anima sicut quaedam forma habens 
esse completum in ea », und da « forma completa est in subjecto secundum 
conditionem subjecti », und « quia anima est mutabilis secundum liberum 
arbitrium, quam diu est in statu vitse » : so « consequens est quod gratia 
insit animse mutabiliter. » « Sed virtus instrumentalis magis attenditur 



— 42 — 

Zufolge dieser Beschaffenheit verliert der Ordinierte die potestas 
conferendi sacramentum nicht 1 ). Der character sacramentalis be- 
zweckt, den Gläubigen zu befähigen, zu empfangen oder zu 
spenden, „qus8 ad cultum clei pertinent". Da der ganze „ritus 
christianse religionis derivatur a sacerdotio Christi", so ist 
offenbar der „character sacramentalis specialiter character 
Christi, cuius sacerdotio configurantur fideles secundum sacra- 
mentales characteres, qui nihil aliud sunt quam qusedam par- 
ticipationes sacerdotii Christi ab ipso Christo derivatse 2 ;." Zu- 
folge dieses Zweckes prägt die Eucharistie keinen Charakter 
auf, ,,continet tarnen in se ipso Christum, in quo non est 
character, sed tota sacerdotii plenitudo", sondern einen solchen 
geben nur die Taufe, Firmung und Weihe 3 ). Bischöfe und 
Priester wurden zwar anfänglich dem Namen nach nicht unter- 
schieden, waren aber sachlich stets verschieden 4 ). Es musste 



secundum conditionem principalis agentis, et ideo character indelebiliter 
inest animse, non propter sui perfecta' onem, sed propter perfectionem sacer- 
dotii Christi, a quo derivatur character, sicut qusedam instrumentalis 
virtus » : ibid. art. 5. ad prim. {Migne IV. col. 577). Nach dem Tode bleibt 
« character in bonis ad eorum gloriam, in maus ad eorum igmominiam », 
« sicut etiam militaris character remanet in militibus post adeptam victoriam, 
et in his qui vicerunt, ad gloriam, et in his qui victi sunt, ad poenam » : 
ibid. ad 3. Diese Stellen werden wohl genügen. 

*) Der suspendierte, exkommunizierte, degradierte Priester verliert 
also die Macht nicht, aber sündiget durch Spendung: P. III. q. 64. art. 9 
ad 3 {Migne III, col. 592), kann deshalb die Eucharistie spenden : ib. q. 82. 
art. 8 (1. c, col. 824 sqq.). 

2 ) Summa III. q. 63. art. 3. Resp. dicendum. art. 1., 2 etc. sind zur 
Lesung zu empfehlen, um die Theorie des Charakters kennen zu lernen. 

8 ) Summa III. q. 63. art. 6. Wer Widersprüche in diesen Deduktionen 
findet, lese alle übrigen Stellen auch und bedenke, dass nach päpstlicher 
Ansicht Widersprüche bei St. Thomas gar nicht vorkommen können. Als 
Grund, weshalb die Taufe nicht wiederholt, das Abendmahl täglich ge- 
nommen werden darf, steht III. q. 80. art. 10 ad 1. einer, der g-eradezu 
erheiternd wirkt. Wer die sinnreiche Art kennen will, wie man die Argu- 
mente zurecht legt, lese III. q. 76. art. 1 ad secundum. — Für die Auf- 
fassung des character liefert III. q. 83. art. 3, besonders ad tertium, einen 
interessanten Beleg-, weil gezeigt wird, wie auch leblose Dinge (Gebäude, 
Altäre u. s. w.) durch die consecratio « quandam spiritualem virtutem adi- 
piscuntur, per quam apta redduntur divino cultui, ut scilicet homines 
devotionem quandam exinde percipiant, ut sint paratiores ad divina, nisi 
hoc propter sacramentum inrpediatur ». 

4 ) Summa Ildse secunda q. 184. art. 6 ad primum {Migne III, col. 1301). 



— 43 — 

über der priesterlichen eine bischöfliche Gewalt geben r ). Denn 
der Priester verrichtet zwei Akte : einen prinzipalen, die Kon- 
sekration des Leibes Christi, aus unabhängiger, göttlicher Macht, 
da er die von Christus bestimmte Materie konsekrieren kann 
und daza nur erforderlich ist, was notwendig zur Substanz 
des Sakraments gehört; einen zweiten, sekundären, darin be- 
stehend, das Volk vorzubereiten zum Empfange dieses Sakra- 
ments. Hinsichtlich dieses zweiten hängt er ab von einer höhern 
menschlichen Gewalt. Denn jegliche Macht, welche für ihr 
Handeln gewisser Ordnungen bedarf, hängt von derjenigen 
Macht ab, welche diese Ordnungen setzt. Der Priester aber 
kann nicht lossprechen und binden, ausser unter Voraussetzung 
der Jurisdiktion über diejenigen, welche er absolviert. Der 
Priester repräsentiert Christus, soweit dieser durch sich selbst 
ein Amt erfüllte (ministerium implevit), der Bischof, insofern e 
Christus andere Diener einsetzte und die Kirche gründete; 
deshalb heisst der Bischof auch sponsus ecclesice gleich Christus 2 ). 
Die Bischöfe empfangen ihre Macht durch die Konsekration 3 ). 
Diese ist, wie jede Konsekration, solange die konsakrierte 
Sache dauert, unvergänglich. Aber man muss unterscheiden. 
Was zur potestas sacramenialis gehört, kann nicht genommen 
werden, wohl aber, was zur potestas jurisdictionis gehört, so 
dass sie jene stets gültig ausüben können, letztere nicht 4 ). 



*) Diese Deduktion ist ein genaues Excerpt aus III. supplem. q. 40. 
art. 4 (Migne III, col. 1073). Dass diese thomistische Deduktion nichts als 
rein willkürliches, teilweise sophistisches Zeug ist, liegt auf der Hand. 
Wenn die Kirchenlehre auf solche Gründe gestützt werden miisste, stände 
es schlecht um sie. Aber bequem ist eine solche Theorie, da man nach ihr 
(dies ausser der Konsekration dem Priester nehmen kann, namentlich die 
Lossprechung. 

2 ) Eigentümlich, teilweise drollig ist die Auseinandersetzung- über 
Beziehungen zwischen Priestern und Bischöfen in III. q. 82. art. 3 ad 3, 
q. 83. art. 5 ad 6. 

3 ) Secunda secundse, q. 184. art. 6. 

4 ) Es lohnt sich, die Deduktion Snmmce, Secunda secundse, q. 39. art. 5 
{Migne III, 330) ganz mitzuteilen. Die Untersuchung betrifft die Frage : 
Utrum schismatici habeant aliquam potestatem ? Darin heisst es : « Res- 
pondeo quod duplex est spiritualis potestas, una quidem sacramentalis, 
alia jurisdictionalis. Sacramentalis quidem potestas est, quse per aliquam 
consecrationem confertur. Omnes autem consecrationes ecclesise sunt im- 
mobiles, manente re quee consecratur ; sicut etiam patet in rebus inani- 
matis, nam altare semel consecratum iion consecratur iterum, nisi fuerit 



— 44 - 

So hätte man eine für die scholastische Methode konsequente 
Theorie fertig. Weil die consecratio eines Altars u. s.w. nicht; 
wiederholt wird, solange er existiert, und weil der Bischof 
konsekriert wird, darum ist die bischöfliche Gewalt unverlier- 
bar. Zufolge dieser erteilt er die Weihen, folglich kann er 
stets gültig weihen und alle Akte vornehmen, wozu keine 
Jurisdiktion erforderlich ist, denn diese kann er verlieren. 
Nach dieser Theorie kann er nicht absolvieren, wenn er vom 
Papst exkommuniziert ist. Ich gehe auf die Theorie der Ver- 
einbarlichkeit der wirklichen Spendung der Sakramente und 
der Nichterteilung der Gnade nicht weiter ein, so interessant 
die Untersuchung insbesondere angesichts des can. 4 de sacr. 
ord. Conc. Trid. Sess. XXIII. sein würde; ebensowenig soll 
hier untersucht werden, wie sich das Absprechen des Rechts 
der Absolution mit can. 1 daselbst verträgt, der es als im 
begrifflichen Inhalte des Priestertums liegend erklärt. Und end- 
lich soll nicht untersucht werden, welcher Zusammenhang 



dissipatum. Et ideo talis potestas secundum suam essentiam remanet in 
nomine qui per consecrationem eam est adeptus, quamdiu vivit, sive in 
schisma, sive in hseresim labatur; quod patet ex hoc quod rediens ad 
ecclesiam non iterum consecratur [köstlicher Beweis im Angesichte der 
Quellen !]. Sed quia potestas inferior non debet exire in actum, nisi secundum 
quod movetur a potestate superiore, ut etiam in rebus naturalibus patet; 
inde est quod tales usum potestatis amittunt, ita scilicet quod non liceat 
eis sua potestate uti. Si tarnen usi fuerint, eorum potestas effectum habet 
in sacramentalibus ; quia in his homo non operatur nisi sicut instrumentum 
dei; unde effectus sacramentales non excluduntur propter culpam quam- 
cunque conferentis sacramentum. Potestas autem iurisdictionis est quse ex 
simplici injunctione hominis confertur; et talis potestas non immobiliter 
adhseret; unde in schismaticis et hsereticis non manet; unde non possunt 
nee absolvere, nee exeommunicare, nee indulgentias facere, aut ahquid 
huiusmodi; quod si fecerint, nihil est actum. Cum ergo dicitur tales non 
habere spiritualem potestatem, intelligendum est [ein bequemes Mittel, sich 
durch Interpretation über die Widersprüche hinweg zu setzen; natürlich, 
es kann solche nicht geben, folglich interpretiert man sie weg] vel de 
potestate seeunda, vel si referatur ad primam potestatem, non est refe- 
rendum ad ipsam essentiam potestatis, sed ad legitimum usum eius. » Vgl. 
auch III. suppl. q. 38. art. 2 (IV, col. 1063), wo ebenfalls ausgeführt wird, 
dass ketzerische, exkommunizierte u. s. w. Bischöfe alle durch die Kon- 
sekration empfangene Gewalt behalten, deshalb « vera sacramenta con- 
ferunt, sed cum eis gratiam non dant, non propter inefficaciam sacramen- 
torum, sed propter peccata reeipientium ab eis sacramenta contra prohr 
bitionem ecclesiss ». 



— 45. — 

zwischen der Theorie des character und der Transsubstantia- 
fionstheorie vorliegt. 

VI. Von den Zeiten des Thomas von Aquino an ist die 
ältere Theorie und Gesetzgebung- aufgegeben. Das Konzil von 
Trient hat als Glaubenssätze die Sätze formuliert 1 ): Dass im 
Sakrament der Weihe ein Charakter aufgeprägt werde, der 
weder zerstört noch entzogen werden kann, — dass die Bischöfe 
als Nachfolger der Apostel vorzugsweise zur Hierarchie gehören ; 
— dass sie über den Priestern stehen, die Firmung spenden, 
die ministri ecclesise weihen. Merkwürdigerweise lässt sich aus 
dem Wortlaute nicht entnehmen, ob die Indelebilität auch dem 
bischöflichen Charakter zukommt. Denn unter dem Worte „ordo" 
(„in tribus sacramentis ... et ordine") des can. 9. Sess. XII de 
sacramentis in gen er e, „in sacramento ordinis" des cap. 4 doc- 
trinse Sess. XXIII. und „ordinatio^ des can. 4. ibid. muss die 
conseeratio episcopalis nicht notwendig verstanden werden. Dazu 
kommt, dass can. 4. ibid.: „Si quis dixerit, per sacram ordina- 
tionem non dari Spiritum sanctum, ac proinde frustra episcopos 
dicere: Accipe Spiritum sanctum; aut per eam non imprimi 
characterem; vel eum, qui sacerdos semel fuit, laicum rursus 
fieri posse: anathema sit" direkt nur den character indelebilis 
dem Priester zuspricht. Es ist um so eigentümlicher, dass man 
sich nicht klarer ausgedrückt hat, als ordo, ordinatio alle Weihe- 
stufen in sich begreifen kann, wie aus Sess. XXIII doctrina 
cap. 2. 3. 4. und can. 2. 3. 5. 6. hervorgeht. 

Wer die geschichtlichen Thatsachen, die Aussprüche der 
Synoden und Päpste, sowie deren Verfahren gegenüber den 
censurierten Bischöfen ohne Voreingenommenheit prüft, für 
den ist folgendes Resultat augenscheinlich. Im ersten Jahr- 
tausend, ja bis in den Anfang des 13. Jahrhunderts hinein, ist 
der Begriff eines character indelebilis, welcher dem Priester durch 
die Weihe des Bischofs, dem Bischof durch die conseeratio ein- 
geprägt werde und quasi als eine an seiner Person haftende 
Qualität durch diesen geistlichen Akt geschaffen wird, unbe- 
kannt. Die theologische Doktrin hat ihn geschaffen, das Konzil von 
Trient das Produkt dieser Doktrin dogmatisch fixiert; zwischen 



*) Sess. VII. de Sacramentis in genere can. 9. XXIII. doctrina de 
sacramento ordinis cap. 4. can. 4. 7 ; der Catechismus Romanus ist ebenso- 



wenig klar. 



— 46 — 

dessen Sätzen und den Satzungen allgemeiner und partikulärer 
Synoden und früherer Päpste ist ein unlösbarer Widerspruch vor- 
handen. 

Es ist ganz unzweifelhaft, dass die Weihe zum Bischof wie 
zum Priester nach der Eechtsanschauung der Kirche bis ins 
zwölfte Jahrhundert als diejenige Handlung erscheint, als der- 
jenige rituelle Akt (Händeauflegung, Gebet u. s. w.), durch 
welchen dem Geweihten Macht und Recht verliehen wurde, für 
eine Diöcese, an einer bestimmten Kirche die priesterlichen 
Funktionen vorzunehmen, eine Diöcese zu regieren und alle 
den Bischöfen vorbehaltenen Handlungen zu setzen, je nachdem 
es sich um den Priester oder Bischof handelte. Als rechtmässiger 
Bischof galt eine Person, wenn sie auf gesetzmässige Weise 
berufen war und von der Kirche anerkannt blieb. Wurde diese 
Anerkennung entzogen, weil die Person, wie sich herausstellte, 
unrechtmässig zur Würde gelangt war, oder weil sie ausgestossen 
wurde, so hing es von der Kirche ab, ob sie die von dem nicht 
mehr Anerkannten Geweihten, Eingesetzten belassen wollte, 
oder nicht. Das Verfahren der alten Kirche, wie es sich aus den 
Quellen ergiebt, war innerlich gerechtfertigt und nicht wider- 
spruchsvoll. Es konnte aber der ganze alte Standpunkt sich 
nur so lauge halten, als die Gläubigen, die Gemeinde bei der 
Auswahl der Personen mitwirkten und die Anerkennung oder 
Nichtanerkennung durch das Organ der Kirche, die Synoden, 
sich kundgab. Von dem Momente an, wo die Kirchengewalt 
in der lateinischen Kirche sich mehr und mehr im Papste cen- 
tralisierte, bis sie seit Innocenz III. in ihm aufging, trat die 
päpstliche Macht an Stelle der kirchlichen. Bis dahin hatte in 
Wirklichkeit jede berechtigte Teilnahme der Gemeinden — 
denn die Berufung auf Grund des Patronatsrechts trägt einen 
ganz andern Charakter, wie wohl keiner Auseinandersetzung 
bedarf — bei der Besetzung der Kirchenämter aufgehört. Eine 
weitere Entwicklung lag in dem Benefizialwesen. Das Benefi- 
zium war eigentlich die Hauptsache, das Amt nur die Folge des- 
selben geworden. Den stärksten Beweis dafür liefert die noch 
heute als gemeines Recht geltende Satzung x ), dass eine Person 
zum Pfarrer ernannt werden, das heisst eine Pfarrpfründe er- 



J ) C. 5. X. de set. et quäl. I. 14. C. 7. § 2. X. de elect. I. 6 ; mein Lehr- 
buch 4. Aufl., S. 152. 



— 47 — 

halten kann, die nicht Priester ist, dass ein Subdiakon Bischof 
werden kann x ) ; denn die Folge des Verlusts, wenn nicht binnen 
bestimmter Frist der für das Amt nötige ordo erworben wird, 
ändert daran nichts. Zugleich aber ist diese Möglichkeit selbst 
noch eine Anlehnung an das alte Recht ; denn in diesem Falle 
wird thatsächlich der Pfarrer zum Priester, der Subdiakon, 
Diakon oder Priester zum Bischof geweiht auf das Benefizium. 
Der titulus beneficii ist somit eine Reminiscenz an das alte 
Recht. Als man die absoluten Ordinationen zuliess, den titulus 
patrimonii allgemein anerkannte, hatte man das alte Prinzip 
aufgegeben. Angebahnt war das durch die Weihe von Mönchen, 
welche keiner Kirche oder Gemeinde vorstanden, zu Priestern. 
Die Weihe zum Priester wurde thatsächlich in allen Fällen, 
wo der Geweihte nicht für eine bestimmte Kirche geweiht 
wurde, ein AM, der zur Übernahme eines priesterlichen Amtes 
befähigte. Es trennte sich somit das Rechtliche, die Verwal- 
tung eines Amts durch die Berufung zu ihm, von dem Geist- 
lichen. Die Auffassung: die ordinatio verleiht lediglich eine 
potestas spiritualis; das Recht, eine solche auszuüben, hängt ab 
von der erhaltenen jurisdictio, war zur Notwendigkeit geworden. 
Hielt man auch bei den Bischöfen früher und heute regelmässig 
daran fest, nur zu konsekrieren, wenn die Berufung für eine 
Diöcese vorlag, so trat seit dem 13. Jahrhundert ganz allge- 
mein auch hier die gleiche Anschauung ein. Der Grund lag 
einmal in der seit dem 9. Jahrhundert angenommenen Zu- 
lässigkeit, dass ein Bischof von einer auf die andere Diöcese 
gelangen könne, sodann in der Thatsache, dass man allmählich 
Bischöfe weihte für nicht existierende Diöcesen, was in den 
letzten Jahrhunderten massenhaft geschah 2 ). Für die Priester 
war die unbedingte Möglichkeit des Übertritts von einer Kirche 
an eine andere gleichfalls rechtlich zugelassen, Versetzungen 
unendlich häufig geworden. Eine Person, an der lediglich der 
rituelle Akt ohne Beziehung auf eine bestimmte Kirche, ein 
bestimmtes Amt vorgenommen worden war, besass wohl eine 
Eignung, eine Macht zur Vornahme von Handlungen, aber 
keine Berechtigung dazu. Wurde ihr auch die letztere gegeben, 



x ) C. 2. de ref. Sess. XXII. Conc. Tridentini. 

2 ) Weihbischöfe, episcopi in partibus infidelium. Mein Lehrbuch, § 50. 
Einschins, System, § 85. 



— 48 — 

so war erstere darum doch nicht bloss für die bestimmte Kirche, 
das einzelne Amt, sondern nach der einmal eingetretenen Ent- 
wicklung allgemein erteilt. Verzichtete der Angestellte, oder 
wurde er enthoben, so konnte ohne neue Übertragung der 
Macht eine neue Anstellung (Erteilung der Jurisdiktion) erfolgen. 
Ebenso war möglich, dass man ohne Entziehung der Macht 
für immer das Recht nahm. Das Aufgeben der alten Praxis 
und die Wendung zu der neuen Anschauung wurde noch mehr 
bewirkt durch die Entwicklung, welche das Eegularwesen nahm. 
Während die alten Orden ausnahmslos nur an der eigenen 
Kirche dem Gottesdienste, der Sakramentenspendung, kurz dem 
geistlichen Berufe oblagen und allenthalben eigene Gemeinden 
zu ihren Kirchen gehörten, traten die neuen, der Franziskaner- 
und Dominikaner-Orden bald in das Recht ein, ohne Rücksicht 
auf Zugehörigkeit die Gläubigen Beicht zu hören und ihnen 
das Abendmahl zu spenden. Für die Weihen der Priester-Mönche 
bedurfte es keines Titels, sie waren von jeher nicht verbunden 
mit der Anstellung an einer bestimmten Kirche. Und wenn das 
noch etwa in gewisser Hinsicht für die alten Orden (Benedik- 
tiner, Cistercienser) galt, für die neuen ohne stabilitas loci galt 
es unbedingt nicht. So hatte sich bis zur Mitte des 13. Jahr- 
hunderts jeder Zusammenhang der Priesterweihe mit dem festen 
Anstellen an einer Kirche gelöst. Das aber fällt zusammen mit 
der Theorie namentlich von Thomas von Aquino. Die Theorie 
erklärte und begründete als fundamental, was sich faktisch heraus- 
gebildet hatte 1 ). 

Und auch die Widersprüche, welche zwischen der Theorie 
von Thomas, den tridentinischen Satzungen und der heutigen 
Lehre mit der Geschichte liegen, finden ihre Lösung durch die 
Thatsache des Sieges der juristischen Konstruktion in der römischen 
Kirche. Aber es bleibt die Thatsache bestehen, dass das, was 



*) Selbst der Protestantismus hat die römische Entwicklung insoweit 
kopiert, als in Landeskirchen bei der Berufung bereits ordinierter Geist- 
licher auf ein anderes Amt keine neue Ordination nötig ist. Siehe mein 
Lehrbuch § 124, IV. Die modernen Staaten haben das Ding auch kopiert, 
indem sie durch bestandene Prüfungen die Anstellungsfähigkeit erwerben 
lassen, während der Befähigte oft viele Jahre warten muss, bis er ein be- 
soldetes Amt erhält. Der eigentlichste Vorläufer aber ist der im zwölften 
Jahrhundert auf den Universitäten geschaffene doctor, welcher auf allen 
studia generalia zu lesen befähigt und berechtigt war. 



— 49 — 

die römische Dogmatik im Konzil von Trient fixiert hat, ein 
theologisches Dogma ist, welches der alten Kirche unbekannt war. 

In der „Revue internationale de Theologie", 4. Jahrgang 
(Nr. 13), S. 71 — 94, behandelt Prof. Jos. Langen „die neutestamen- 
talischen Keime der katholischen Lehre von dem Priestertum 
und den Sakramenten". Wir halten den von ihm gemachten 
Versuch, das katholische Priestertum und insbesondere das 
Sakrament der Priesterweihe seinem Keime nach im Neuen 
Testamente nachzuweisen, für vollständig gelungen. Die Frage : 
ob die Macht nicht genommen werden kann, hat nichts mit 
dem Sakrament zu thun. Auf die Taufe kann man sich nicht 
berufen, da es sich bei dieser um etwas anderes handelt. In 
dem Neuen Testamente liegt nicht der kleinste Keim für die 
Entwicklung des juristischen character indelebilis vor, es sei 
denn, dass man ihn aus dem sakramentalen Charakter der 
Weihe folgern wollte. Wir haben die wirkliche Entwicklung 
des Satzes gezeigt. Sie beweist ein grosses Schwanken; trotz- 
dem ist das sakramentale Moment nie in Frage gekommen. 

Prof. Dr. von Schulte in Bonn.